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Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck

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AM9A2702[1]2Wenn man von „dem Kerpener“ spricht, weiß ich, dass die meisten Menschen in Deutschland an den mehrfachen Formel-1-Weltmeister denken. Kerpen, ganz hier in der Nähe, heißt aber nicht etwa „Schumacherstadt Kerpen“, sondern „Kolpingstadt Kerpen“. Das hat wohl nicht nur den Grund, dass Adolph Kolping, an dessen Geburtstag wir heute erinnern, dort schon vor 200 Jahren geboren ist. Es liegt wohl vor allem an einem entscheidenden Unterschied.Wo der eine der Meister darin ist, auf einer vorgegebenen Strecke der Schnellste zu sein, dabei aber immer im Kreis fährt, ging es dem anderen gerade darum, Menschen zu helfen, aus dem vorgegebenen Kreis auszubrechen – ruhig auch langsam. Adolph Kolping ging es Zeit seines aktiven Lebens darum, Menschen begreiflich zu machen, dass sie ihren eigenen Weg suchen müssen – und dass sie ihn finden können. Das Leben ist keine vorbestimmte Kreisbahn, aus der es kein Entrinnen gibt: Das Leben ist die Herausforderung, aus dem Vorgegebenen auszubrechen, sich seinen Weg buchstäblich selber zu bahnen – allerdings nicht nur allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen.

Adolph Kolping, der vor 200 Jahren geborene Kerpener, wollte die jungen Menschen seiner Zeit, die Gesellen, die in den Bahnen ihrer Herkunft, ihrer geringen Bildung, ihrer ja, auch Verwahrlosung und Perspektivlosigkeit anscheinend dazu verurteilt waren, ausweglos im immer selben Kreis zu laufen – er wollte diese jungen Menschen an die frische Luft einer anderen Möglichkeit bringen – und in eine Gemeinschaft von Suchenden, von Strebenden, eine Gemeinschaft von solchen, die Verantwortung für sich selber und für andere übernehmen.

Ein besonderer Mann, ein überzeugter Christ und ein großer Deutscher ist es, an den wir heute erinnern. Adolph Kolping gehört – mit Bischof Ketteler von Mainz und Johannes Wichern, dem evangelischen Sozialreformer, Publizisten und Pädagogen, zu den christlichen Männern und Frauen des neunzehnten Jahrhunderts, die gleichzeitig ganz genau das Evangelium gelesen und die ganz genau hingeschaut haben, was die Bedürfnisse der Zeit waren.

Deswegen ist die Erinnerung an sie, deswegen ist die Erinnerung an Adolph Kolping nicht wie ein Gang durchs historische Museum. Es handelt sich hier vielmehr um eine produktive Erinnerung, eine wenn man so will „gefährliche Erinnerung“, wie Johann Baptist Metz das genannt hat – gefährlich für den, der den Wandel scheut, der aus der Auseinandersetzung mit der Erinnerung folgen kann. Warum? Weil es die Erinnerung an eine ganz besondere politisch-kirchliche Kombination ist.

Bei Adolph Kolping kommen drei Wesenszüge zusammen – und zwar auf eine Weise, die uns gefährlich daran erinnert, was uns heute oftmals fehlt – und wo wir als Christenmenschen und als Staatsbürger gefordert sind:

Adolph Kolping war zutiefst fromm, ein ganz von der Spiritualität, man kann auch schlicht sagen: von der Jesus-Nachfolge geprägter Mann, er war mit Leib und Seele Priester, er war leidenschaftlicher Seelsorger.

Er war aber mit der gleichen Leidenschaft Zeitgenosse, er war mit der gleichen Leidenschaft interessiert an den Menschen seiner Zeit. Er litt unter den sozialen Zuständen, er litt unter fehlenden Chancen für so viele, er litt darunter, dass Familien moralisch und finanziell Not leiden mussten und dadurch den Einzelnen Halt und Stabilität abhanden kamen.

Er nahm also teil am Schicksal seiner Zeitgenossen – und er schrieb darüber, er war ein, man kann schon sagen: besessener Publizist. Als Rechercheur, als Redakteur, als Herausgeber, als Zeitungsgründer – er war unermüdlich dabei, die Missstände, die er sah, unters Volk zu bringen. Auch darin ähnelt er seinem evangelischen Bruder im Geiste Johannes Wichern. Er wusste: wer wirken will, braucht Medienpräsenz. Wer weiß, ob er nicht heutzutage einen kirchlichen Fernsehsender gegründet hätte – und wenn, dann bestimmt einen ökumenischen! Ganz sicher hätte er einen fulminanten Internet-Auftritt.

Aber – und das ist nun das entscheidende: Adolph Kolping war auch ein Praktiker. Er gründete den katholischen Gesellenverein, weil ihm klar war: So etwas musste es geben und einer muss den Anfang machen. Und er ließ das erste Gesellenhaus bauen, weil er wusste: Diese Einrichtungen werden bitter nötig gebraucht und einer muss den Anfang machen.

Diese Kombination aus tiefem Glauben, dem Menschen zugewandter Medientätigkeit und praktischen Antworten auf die Nöte der Zeit: diese Kombination vor allem ist es, die Adolph Kolping hoch aktuell sein lassen. Die im Sinne von Johann Baptist Metz „gefährliche Erinnerung“ daran kann aus Bequemlichkeiten und Selbstgenügsamkeiten aufrütteln und neue Orientierung geben.

Auf die sozial engagierten Menschen wie Adolph Kolping kann die Christenheit mit Recht stolz sein. Was aber machte Kolpings soziale Arbeit im Kern aus? Und was machte die große Ausstrahlung aus? Kolping war in erster Linie Praktiker. Aber es kann keine gelingende Praxis geben ohne Überzeugungen und Prinzipien, ohne Werte.

Die fundamentale Überzeugung, die Kolpings Handeln geprägt und bis heute aktuell macht, lautet: Der junge Mensch kann und muss befähigt werden, selbständig und selbsttätig zu werden. Er muss und kann seine Fähigkeiten entdecken, er muss und kann erfahren, was in ihm steckt. Kolping war kein sozialer Reparateur, der Versagen der Vergangenheit aufarbeiten wollte, sondern er war ein Pädagoge. Einer der auf Zukunft hin orientiert war, auf das gegenwärtige und zukünftige Gelingen des Lebensweges. Einer, dem jeder einzelne wichtig war. Das ist eine Lehre bis heute.

Menschen, die entdecken, was in ihnen steckt, sind leistungsfähig und leistungsbereit. Sie haben Freude daran, etwas zu können, etwas zu bewerkstelligen, etwas zu geben. Sie nehmen ihren Beruf nicht als das ganze Leben wahr, aber als einen wesentlichen Teil der Selbstvergewisserung und der Selbstverwirklichung. Das gilt nicht nur für Gesellen, nicht nur für das Handwerk.

Bildung und Berufsausbildung dienen so dazu, die Eigenständigkeit, die Eigenverantwortlichkeit und die Freude am Leben, am Gestalten, an der Leistung zu entwickeln und zu erhalten. Diese Prinzipien Kolpings, die bis heute auch das weltweite Kolpingwerk prägen, tun der gesamten Gesellschaft gut. Denn die Gesellschaft profitiert von starken, selbstbewussten Einzelnen, die sich in unsere Gesellschaft einbringen.

Aber der Einzelne braucht Netze, er braucht Beziehungen, er braucht Gemeinschaft. Das ist das zweite tragende Prinzip Kolpings und des Kolpingwerkes, wie ich es sehe. Heutzutage wird, wie vielleicht nie zuvor, von Netzen geredet, von Networking, vom Vernetzt-sein. Es wird aber meistens davon gesprochen in Bezug zu den sogenannten sozialen Medien, die virtuelle Netze schaffen. Das Wort von der Vernetzung muss aber mehr sein als eine Metapher für Kommunikation im virtuellen Raum.

Menschen leben von der Erfahrung, von wirklichen Menschen getragen zu sein, mit wirklichen, sichtbaren, nahen Menschen verbunden zu sein, und selber für sichtbare, wirkliche Menschen da zu sein. Das ist die leitende Idee hinter der ursprünglichen Gründung der Gesellenvereine, das ist bis heute die Idee der großen „Kolpingsfamilie“ – und das ist schließlich auch die Idee hinter dem inzwischen großen internationalen Engagement des Kolpingwerkes in über sechzig Ländern weltweit.

A propos: Dass man „bei Kolpings“ so gerne von der „Kolpingsfamilie“ spricht, kommt nicht von ungefähr. Das erste Netz, so sah es Adolph Kolping, das dem Menschen Halt und Sicherheit gibt, ist die Familie. So vieles für den Lebensweg wird in der Familie mitbestimmt, bewusst oder unbewusst, zum Guten wie zum Schlechten, freiwillig und unfreiwillig. Die Familie, und zwar die gute, die tragende, die nicht einengende sondern in Geborgenheit Freiheit gewährende Familie: Das ist ein wesentliches Ziel Kolpings gewesen, das bestimmt das Wirken der Kolpingsgemeinschaft – und auch das ist eine dringend notwendige Botschaft für heute.

Die Familie zu stärken, also das erste und nächste Netz, in dem die Menschen aufwachsen und die ersten Schritte ins Leben probieren, das ist für unsere ganze Gesellschaft von lebenswichtiger Bedeutung. Es geht dabei nicht um ein Idealbild, dem die Wirklichkeit der Familie zu keiner Zeit entsprochen hat.

Familie war niemals einfach ideal. Familie war und ist immer eine je neue Aufgabe, in jeder Generation. Die Herausforderungen waren in der Agrargesellschaft andere als in der bürgerlichen, in der Industrialisierung andere als in der Nachkriegszeit, im Wohlstand und im Wohlfahrtsstaat andere als in einer Mangelgesellschaft.

Immer geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem man atmen kann, in dem man die Sicherheit erfährt, dass man immer wieder angenommen wird, in dem man Verlässlichkeit und Bindung erfährt. Familie ist ein zentrales Thema der Gesellschaft: So viele Chancen des Einzelnen und soviel geistige, seelische und moralische Prägung hängen davon ab. Ich bin sehr froh darüber, dass im Kolpingwerk dieses Thema für so viele Menschen lebendige Erfahrung ist – weltweit.

Das Zusammenleben der Generationen, das unsere ganze Gesellschaft prägt, hat seinen vornehmsten Erfahrungs- und Übungsort in der Familie. Wie einzelne können auch Familien schwach sein und brauchen Ermutigung, Befähigung, Ermächtigung. Das geschieht im Kolpingwerk beispielhaft. Und daran können und sollten sich deswegen andere, die in der Gesellschaft Möglichkeiten und Verantwortung haben, ein Beispiel nehmen.

Die Entwicklung seiner Fähigkeiten in einem guten Beruf, das Getragenwerden durch und die Verantwortung übernehmen zu können für eine gute Familie, das waren zwei Prinzipien der pädagogischen Arbeit Kolpings. Ein drittes schließlich war es, die Verantwortung zu übernehmen für ein gutes Gemeinwesen. Ein christlicher, gut ausgebildeter Handwerker, der sich um seine Familie kümmert und von ihr getragen wird, wird nach Kolping auch ein guter Staatsbürger sein, der politisch wach ist, der sich politisch einsetzt und der politisch mitentscheiden möchte und kann.

Die Befähigung, die Ermächtigung und – vielleicht vor allem – die Bereitschaft, sich politisch einzusetzen, zeichnen viele Kolpingschwestern und -brüder aus, das weiß ich. Nicht allein in der Selbstverwaltung der Handwerkskammern, die ja in gewisser Weise auch auf Kolping zurückzuführen sind. Sie sind aktiv in Parteien und in vielerlei politischen oder vorpolitischen Einrichtungen, Gremien und Bewegungen.

Ich freue mich besonders darüber, dass die Einzelnen, aber auch die Kolpingfamilie als ganze in ihrem gesellschaftspolitischen Engagement einen besonderen Schwerpunkt auf Integration setzt: für Menschen, die bei uns Heimat suchen, Menschen mit Behinderung und viele andere mehr – das liegt ja eigentlich auch auf der Hand, denn die Befähigung der Vielen, in unserer Gesellschaft ihren Platz und ihre Aufgabe zu finden, ist ganz aus dem Geiste Adolph Kolpings.

Aus dem Geiste des Evangeliums, aus dem Geiste der Nächstenliebe Politik und Gesellschaft praktisch gestalten: Das war die Sache Adolph Kolpings und das ist die Sache des Kolpingwerkes bis heute.

Aus dieser ursprünglichen Praxis – auch etwa aus der Katholischen Arbeiterbewegung Bischof von Kettelers – wurde dann schließlich auch eine handlungsorientierende Theorie – die katholische Soziallehre. Deren zentrale Prinzipien – Subsidiarität, Solidarität und Personalität – haben sowohl unsere Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft als auch das Grundgesetz maßgeblich und bis heute geprägt. Man darf wohl sagen: zu unser aller Wohl und Glück. In ökumenischer Gelassenheit darf ich darauf hinweisen, dass auch die evangelische Tradition der Sozialethik ihren wesentlichen Beitrag geleistet hat zur Synthese sozialer Verantwortung und marktwirtschaftlicher Effizienz und Freiheit.

Diese Christliche Soziallehre mit ihren gesellschaftlich so einflussreichen und wohltuenden Folgen hätte es so nicht gegeben ohne die praktische Leidenschaft, den christlichen Glauben und den politischen Mut Adolph Kolpings.

Wir alle, nicht nur die Christen, in Deutschland tun gut daran, uns durch die lebendige Erinnerung an sein Vorbild ermutigen zu lassen, uns gesellschaftlich und politisch einzumischen. Das ganze Land aber hat guten Grund zur dankbaren Erinnerung an den etwas langsameren der berühmten Kerpener.

 

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